[Rant] Die Nerd-Kultur ist zum Kotzen!


Die Landschaft der Rollenspieler hat ein Problem. Nein, eigentlich nicht nur die der Rollenspieler, sondern die gesamte Nerd/Geek/whatever die Selbstbezeichnung gerade ist-Subkultur ist im höchsten Grade problematisch. Das Problem nagte schon länger an mir, aber vor kurzem kochte es wieder in all seiner Hässlichkeit hoch…bei der Diskussion zu dem Buch „Wege der Vereinigungen“ (WdV) zu Das Schwarze Auge.

Der Autor Mike Krzywik-Groß machte, nachdem er Ulisses zuvor wegen kreativer Differenzen verlassen hatte, diesem Produkt den Vorwurf, es würde unreflektiert Vorurteile unter der Spielerschaft festigen. Im speziellen ging es, neben der Heteronormativität des Produktes, vor allem um die Festlegung, dass die dunkelhäutigen Menschenvölker Aventuriens grundsätzlich einen größeren Penis besitzen, als die Menschenvölker aus anderen Regionen.

Keiner kann ernsthaft bestreiten, dass die Aussage „dunkelhäutige Menschen haben einen größeren Penis“ ein antiquiertes, rassistisches Klischee ist, ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Afrikaner noch als „triebgesteuerte Wilde“ stilisiert wurden. Trotzdem waren schnell Leute bei der Hand, welche versucht haben dieses hässliche Vorurteil durch (wissenschaftlich fragwürdige, da nur an einem knappen Dutzend Probanden pro Land durchgeführten) „Statistiken“ zu entschuldigen oder es mit der Aussage „aber heutzutage ist es doch ein positives Klischee, das tut doch keinem weh – deswegen kann es gar kein Rassismus sein“.

Zu dem letzten Punkt: vor knapp 15 Jahren (also noch nicht soooo lange her) hat die Romantisierung des „Schwarzer mit großem Penis“-Klischees (in Form des Schundromans „Die weiße Massai“ und seiner Verfilmung) den Sexualtourismus und die damit verbundene Ausbeutung von afrikanischen Regionen mit schlechter Infrastruktur und niedrigem Bildungsstand massiv vorangetrieben. Soviel zu der Ansicht „positivistische Klischees sind nicht verletzend“.

Auch die Stilisierung der realen Volksgruppe der Roma als weitere übernatürliche „Rasse“ in der World of Darkness (WoD:Gypsies) ist so ein Fall: nur weil sie kewl powerz bekommen, heißt das noch lange nicht, dass diese Darstellung unproblematisch wäre – Rassismus funktioniert ja in erster Linie dadurch, dass unüberbrückbare Differenzen zum „Anderen“ aufgebaut werden und das kann auf viele Arten und Weisen funktionieren (man denke z.B. an den Mythos der jüdischen Weltverschwörung – die Qualitäten, welche in dieser zugeschrieben werden sind in erster Linie „Vermögen“ und „Einfluss“, also auch nichts per se negatives, aber diese „Otherness“ wird dann eben verwendet, um anderen Menschen ihre Existenzberechtigung abzusprechen).

Gerade in der Nerd-Kultur hat sich die Situation in den letzten Jahren eher verschlimmert, als verbessert. Besonders hervorzuheben ist hier The Big Bang Theory, die mäßig lustige Sitcom, welche vorrangig absolut indiskutables Verhalten gegenüber Frauen exkulpiert und dieses als normalen Teil der Nerdkultur darstellt. Einer Nerdkultur, welche nicht nur eigentlich etwas toleranter mit Minderheiten umgehen sollte (immerhin war die Mehrzahl von ihnen wahrscheinlich selbst schon einmal  in einer ähnlichen Position), aber in der Praxis eher dazu tendiert, Gruppen aus dieser auszuschließen. Mehr dazu später.

Kommen wir zurück zu der Kritik an Wege der Vereinigung: die Kritiker (Krzywik-Groß und die Vögte) machen erst einmal klar, dass für sie persönlich der Inhalt problematisch ist, was (aufgrund der o.g. Konnotationen nachvollziehbar ist). Würde derselbe Inhalt in einer Rezension zu dem besagten Rollenspielprodukt stehen, niemand hätte darüber auch nur die Nase gerümpft. Da gab es in der jüngeren Vergangenheit durchaus kritischere und auch verletzendere „Meinungs-Rezis“, bis hin zu Boykottaufrufen  (vor allem aus dem PISSA-Umfeld).

Eigentlich hatte die kritische Auseinandersetzung nichtmal das Produkt selbst zum Ziel, und ganz sicher nicht den Verlag, der dieses herausbringt, sondern die generelle Tendenz innerhalb der Nerd-Kultur, welches es repräsentiert. Aus bitterer Erfahrung kann ich bestätigen, dass diese Tendenz keine Einbildung ist und dass die „Frauen und andere Minderheiten sind in unserem Hobby sowieso nur Deko-Elemente, warum sollten wir ihnen also entgegen kommen?“-Neckbeards immer noch sehr präsent im Hobby sind (manche wären überrascht, wer alles solche Ansichten äußert, sobald sie glauben unter sich zu sein). Dass diese Verbalexkremente sich in letzter Zeit selbst in die unterdrückte Rolle manövriert haben, indem sie die Repräsentation von nicht-weiß-und-männlichen Hauptfiguren (welche schon lange Teil der Nerdkultur waren und mit denen niemand, außer den besagten Mamis-Keller-Bewohnern, bis vor kurzem ein Problem hatte), als „erzwungene Egalisierung“ hochstilisieren, welche „uns“ von „den Konzernen“ „aufgezwungen“ wird.
Dass damit Fronten aufgemacht werden, die eigentlich nicht existieren, ist dabei erstmal egal. Hauptsache man kann sich in der Rolle des Widerstandskämpfers stilisieren, der gegen die „übermächtige“ Meinung wettert. Dass ihre grundsätzliche Haltung keine des Widerstandes ist, sondern sich in letzter Konsequenz eher die Homogenisierung und das „Reinhalten“ des Hobbys verschreibt, ist diesen Assclowns erstmal egal.

Diese bedauernswerten Gestalten würden sich gerne so sehen:


In Wirklichkeit sind sie aber eher das hier:

Keiner der Artikel, welche im Zentrum der Kritik stehen, machen dagegen Ulisses oder den Autoren von WdV einen Vorwurf, weil sie dieses Produkt geschrieben haben. Auch die Reaktion von Ulisses ist extrem sachlich und sagt im Wesentlichen nur „ja, das ist nicht falsch, was ihr da schreibt – aber denkt ihr, dass ein solcher Aufwand für ein primäres Scherzprodukt gerachtfertigt wäre?“. Und auch wenn man diese Haltung kritisieren kann (wie es z.B. Maasberg tut), so ist das doch wenigstens eine klare Position, welche das Buch in einen Kontext setzt und sagt, dass man den Inhalt vielleicht „with a grain of salt“ nehmen sollte (Mhaire kommt bei den Orkenspaltern zu einem ähnlichen Urteil).

Damit wäre eigentlich alles geritzt. Ja, in dem Produkt sind potentiell problematische Sachen drin. Und nein, das war nicht die Intention der Macher. Damit wäre eigentlich alles gesagt. Der Leser wird gewarnt, dass er das gelesene nicht unbedingt als repräsentativ für die reale Welt sehen sollte (was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber angesichts der Existenz solcher geistigen Nacktschnecken, wie den „Pick-up-Artists“, gerne nochmal wiederholt werden kann) und wer glaubt, dass die Existenz solcher billiger Klischees in einer Fantasywelt ihm keinen Spaß bereitet, dann wird diese Person dadurch vorgewarnt. Win-Win…eigentlich.

Das Problem kommt dann allerdings in Form von Forumdiskussionen, wo die o.g. Standpunkte zum Teil stark radikalisiert wurden und es plötzlich von Äußerungen wie „der Verlag besteht aus Rassisten“ oder „da wollte nur ein verbitterter Ex-Mitarbeiter seinem ehemaligen Arbeitgeber schaden, indem er sie als Rassisten bezeichnet“. Nichts davon war Teil der ursprünglichen Statements.

Und damit kommen wir zurück zu dem, was ich über Fronten gesagt habe. Dass die generelle gesellschaftspolitische Kritik der Artikel nachträglich zu Kritik an Ulisses selbst hochstilisiert wird, ist nicht OK. Darum geht es weder bei Krzywik-Groß, noch bei Michael Maasberg oder den Vögten. Ein Symptom zu benennen ist nicht dasselbe, wie dieses zur Ursache zu erklären. Schlimmer: die Gleichsetzung der Feststellung von „das ist extrem unschön, weil es Leute gibt, welche diese verquasten  Ansichten sehr ernst nehmen“ mit „ich fordere Konsequenzen für jeden, der (auch unbewusst) diese Ansichten reproduziert“ verhindert eine kritische Auseinandersetzung mit einem realen Problem, weil ein Angriff suggeriert wird, wo gar keiner da ist. Es ist diese verlogene und feige Rhetorik, die über „Denkverbote“ lamentiert, dabei aber selbst versucht nicht genehme Gedanken hinter Phantom-Fronten zu verbannen.

Wenn es irgendwo Probleme gibt, dann ist es immer noch die beste Taktik, diese Probleme offen anzusprechen. Wenn man glaubt, dass die Kritik ungerechtfertigt ist, dann sollte man das entsprechend kommunizieren. Dem Kritiker niedere Motive zu unterstellen – oder dem Kritisierten eine bösartige Absicht – bringt niemanden weiter. Es ist einfach Zeit für uns Rollenspieler, die eigene Wuthöhle zu verlassen und sich offen und ehrlich mit geäußerter Kritik auseinanderzusetzen. Es ist kein Zeichen der Schwäche, die eigene Filterblase zu verlassen und einmal nicht pauschal anzunehmen, dass jede Kritik an etwas dass man selber mag gleich pauschal als Angriff auf die eigene Person zu werten.

Ich danke für die Aufmerksamkeit (und das nächste Mal kommt wieder mehr Spielbezug…ich arbeite gerade an einem Artikel über Würfelwürfe und Simulation).

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

[leicht rantig] Goldene Regel: Ursprünge und Bedeutung

Bang, Bang- He shot me down. Bang, Bang- I hit the ground.