Dreifaltige Rollenspiel-Lektüre

Drei Falten mit einem Rollenspielerkopf dahinter, ergibt einen nachdenklichen, amüsanten und relativ bodenständigen Blick auf das was war, ist und möglicherweise in der Szene los sein wird.

Mittwoch, August 28, 2013

[Rezension] Kick-Ass 2: Plastik-Superhelden und Tomatensauce

Es ist soweit, seit einer Weile ist der nächste Teil der Kick-Ass-Reihe im Kino. Der zugehörige Comic (eigentlich basiert der Film auf zwei Comics: "Kick-Ass 2" und "Hit-Girl") erschien schon bald nach dem Kinodebüt des ersten Teils, mit dem expliziten Ziel verfilmt zu werden. Autor dieses kalkuliert durchgehypeten Franchises ist Mark Millar, Autor von ganz ordentlichen (aber auch nicht wirklich großartigen) Superheldencomics - in letzter Zeit fällt er allerdings weniger durch seine Comics auf, als vielmehr durch seine Verbaldurchfälle in der Öffentlichkeit (welche beinahe schon Frank-Miller-esque anmuten).
 
Nachdem das aus dem Weg ist, jetzt zum Film an sich: Der erste Teil war nett, die Idee eines Superhelden der ein ziemlicher Versager war nicht originell (und in diversen Origins und dem Film "Super" besser umgesetzt), aber zumindest hatte man den Mut eine künstlerische Vision durchzuziehen (ich schaue dich an, "Wanted"). Leider verhedderte sich der Film allzu oft in genau der Erzählstruktur und Bildersprache der Filme, welche er zu parodieren vorgab. Das hatte zur Folge, dass sich "Kick-Ass" in weiten Teilen zu ernst nahm und das dargestellte Genre weder verstand, noch hinterfragte.
 
Doch das muss nichts heißen, denn der zweite Teil wird von einem anderen Drehbuchautor betreut, welcher vielleicht mit frischen Ideen und neuen Einfällen an die Thematik herangehen und das etwas formelhafte Franchise so inszenieren könnte, dass es sich angenehm von der Flut der Superheldenfilme, welche derzeit über unsere Kinos hineinbricht, abhebt.
 
Leider muss man - nach Sichtung des Films -  sagen, dass diese Chance grandios in den Sand gesetzt wurde.
 
Wo der erste Teil eine typische Superhelden-Originstory war, so ist Teil 2 eine typische Superhelden-Teamfindungsgeschichte, wie man sie in den Comics schon hundertmal gesehen hat (und auch im Kino ist dieses Handlungsmuster spätestens seit "The Avengers" kein unbeschriebenes Blatt mehr). Hatte der erste Teil - trotz dem offensichtlichen Handicap eine typische Superhelden-Originstory zu replizieren - noch wenigstens die eine (halbwegs) originelle Idee eines Durchschnittstypen der Superheld spielt, so gelingt es dem Drehbuchautoren/Regisseur von Teil 2 nicht einmal diese Idee mit der Story des zweiten Teils in Einklang zu bringen. Also muss der Protagonist erstmal ins Fitnessstudio, bis er mehr Muskeln hat als Tom Welling und Henry Cavill zusammen. Danach kriegt er im Zeitraffer ein umfassendes Kampftraining durch die Vorzeige-Lolita (welche bisher im Nebenplot die üblichen High-School-Klischees durchgespielt hat). Am Ende ist vom Durchschnittstypen nicht mehr viel übrig und wir haben einen stinknormalen Vigilanten-Superhelden, welcher sich bald mit anderen von dieser Sorte zusammentut (welche bequemerweise irgendwie schon am selben Punkt angekommen sind, ohne den Heroisierungsprozess des Protagonisten durchlaufen zu müssen).
 
Passenderweise verfolgt der Sohn des Widersachers aus Teil 1 auch noch einen 08/15-Racheplan, so dass man wirklich überhaupt nichts an der Struktur des Films zu ändern braucht. Vom Anfang an, bis in jede kleine Szene, bis hin zur finalen Konfrontation, ist klar, wo die Handlung hinführt und welche Klischee der Superheldencomics jetzt gerade unkritisch repliziert wird. Für einen Film der sich selbst immer wieder als "intelligente Antwort auf den Superhelden-Hype" feiert, ist der Film erschreckend blind gegenüber seinem Genre und den darin erhaltenen Erzählmustern. Überraschende oder kluge Einsichten sucht man in diesem Film vergeblich, was wieder einmal beweist, dass zu einer guten Parodie immer auch Liebe für das parodierte Genre gehört.
 
Die Cast schwankt zwischen hölzern und ausdruckslos (besonders das Duo Johnson/Moretz hat absolut keine Leinwandchemie und spielt mit schöner Regelmäßigkeit aneinander vorbei) zu so over-the-top dass es weh tut (Christopher Mintz-Plasse soll sich doch bitte, wenn er schon übertreiben muss, wenigstens Tipps von Jeremy Irons oder Raúl Juliá holen, wie man das unterhaltsam macht). Der Rest der Cast ist im wesentlichen für one-liner gut und wird nicht sehr strapaziert, fällt also weder positiv noch negativ auf. Wenigstens Jim Carrey ist OK als "Col. Stars & Stripes". Ist halt eine komische Rolle, das kann er im Schlaf, ohne sich groß anzustrengen. Bedauerlich, dass der Schauspieler immer wieder auf solche Rollen festgelegt wird - Filme wie "The Truman Show", "I love you Phillip Morris" oder besonders "The Eternal Sunshine of a Spotless Mind" zeigen recht deutlich, wieviel mehr Carrey drauf hat. Entsprechend unterfordert spielt er dann seinen Colonel - ist halt ein Gehaltscheck und der Mann hatte seit 2009 keine größere Rolle in einem erfolgreichen Blockbuster mehr, insofern gönnt man ihm diese kleine Geschmacksverirrung.
 
Eine Sache auf welche ich noch kurz eingehen möchte, ist die Altersfreigabe. Der Film ist bei uns FSK-18 und ich halte das für einen schlechten Witz. Der Film enthält nicht mehr Gewalt, als irgendwelche  08/15-Actionstreifen mit FSK-16 oder gar FSK-12. Zudem ist die Gewalt (im Gegensatz zum Comic) nicht explizit, da wird geradezu verschämt ab- und weggeblendet was das Zeug hält. Das ist doppelt ärgerlich, da auf diese Weise eine kritische Betrachtung der Folgen der besagten Gewalt leider ausbleibt - Kick-Ass findet in einer konsequenzlosen Plastik-Lametta-Welt statt, in welcher Gewalt bestenfalls Slapstick-Charakter hat (und nicht einmal besonders origineller Slapstick, sondern Slapstick von der Sorte "Haha, da beißt ein Hund einen Mann in den Schwanz!", wie man ihn aus so gut wie jeder (FSK-12) Adam-Sandler-Komödie kennt). Dies mag für pubertierende Jungs "cool" wirken, aber diese werden durch die Altersfreigabe bewusst ausgeschlossen (auch wenn sie das nicht aufzuhalten scheint: in der Vorstellung heute waren gut und gerne 20 Zuschauer, denen ich ihr "Ich bin schon 18"-Gehabe nicht abnehme). Bleibt die Frage, warum eine so hohe FSK, wenn es doch offensichtlich nicht notwendig (und teilweise sogar marktschädigend) ist. Eine mögliche Antwort mag die Idealisierung des Films durch künstliche Verknappung sein, welche sich dann in den (weniger regulierten) DVD- und Merchandise-Verkäufen niederschlagen dürfte. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.
 
Fazit: Ein Film für Teenager und sonstige Leute, welche sich "zu erwachsen" für Superhelden-Comics halten. Dabei wird ihnen letztlich aber derselbe Inhalt verkauft, wie den Kinogängern von "Avengers" und "Man of Steel". Nur weniger innovativ (muss es ja auch nicht sein, da das Zielpublikum die Vorlagen nicht kennt).
 
Oder anders ausgedrückt: wenn man ein Kilo Hackfleisch nimmt, dieses so lange kocht bis wirklich jede Prise Geschmack aus dem Fleisch gewichen ist, und diese geschmacklose Pampe dann als neue Tofu-Sorte an Vegetarier verkauft, dann hat man ein ziemlich genaues Äquivalent dessen, was die Kick-Ass-Macher mit ihrem Publikum machen.
 
Es wäre fast lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

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