Dreifaltige Rollenspiel-Lektüre

Drei Falten mit einem Rollenspielerkopf dahinter, ergibt einen nachdenklichen, amüsanten und relativ bodenständigen Blick auf das was war, ist und möglicherweise in der Szene los sein wird.

Samstag, März 05, 2011

Detektivabenteuer II - Die Rache der Struktur

Moritz schreibt auf seinem Blog seine Sicht zu Detektivabenteuern. Wie immer ist seine Position sehr gut nachvollziehbar, allerdings bricht er seine Ausführungen an einer wirklich interessanten Stelle ab: wie strukturiere ich die Vorbereitung der definierten Grundvoraussetzungen so, dass sie im Spiel optimal nutzbar sind? Ich weiß zwar nicht wie Moritz das handhabt, aber hier setzt meine Methode an.

Viele Abenteuerschreiber gehen, leider, den Weg, dass sie die Details und Hinweise zum Fall wie bei einfach querbeet übereinanderzustapeln. Informationen zum Tathergang finden sich in der Beschreibung EINES bestimmten Tatortes (statt an einer Position, wo man auch danach sucht), wie der Mörder auf die Handlungen der Charaktere reagiert findet sich - neben den TATSÄCHLICH (ohne das Eingreifen der Charaktere) stattfindenden Ereignissen - in den zeitlichen Planung (statt in der Personenbeschreibung des Mörders, wo es hingehört)…kurz: das Abenteuer ist ein hochgradig instabiles Konstrukt, welches bei einem kleinen Windhauch in sich zusammenzustürzen droht.

Und dann fällt der Rest der Dominos wie ein Kartenhaus in sich zusammen…Schachmatt!
Zur Vermeidung der erwähnten "Strukturdefizite" organisiere ich meine Informationen anhand von fünf einfachen Kategorien. Oft handhabe ich das so, dass ich beim Lesen des Abenteuers direkt fünf A4-Seiten vor mir liegen haben und relevante Informationen SOFORT in die richtige Kategorie eintrage (eigentlich könnte man ja erwarten, dass die Abenteuerschreiber ihre Infos VON ANFANG AN ordentlich strukturieren, aber das ist offenbar zu viel verlangt…).

Die grundlegenden Fragen sind dabei (in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit):
Frage 1: Wer? ("Täter")
u.a.: Wer ist der AUSLÖSER des Abenteuers, was ist sein Hintergrund und seine Vorgeschichte? Über welche Möglichkeiten und Beziehungen verfügt er?
Frage 2: Was? ("Opfer")
u.a.: Was ist das ZIEL seiner Handlungen? Wer ist (direkt oder indirekt) davon betroffen?
Frage 3: Wie? ("Methodik")
u.a.: Der Tathergang. Lief alles reibungslos oder gab es Komplikationen, welche der Täter nicht vorhergesehen hatte? Erforderte die Ausführung der Tat besondere Fähigkeiten, welche nur eine begrenzte Anzahl von Personen besitzen? Und verfügte der Täter diese Fähigkeiten? (auch komplett inkompetente Täter können noch einiges an Spannung für die Ermittler hergeben - man muss sich nur mal "Fargo" anschauen) Wenn das Ziel zu Beginn des Abenteuers noch nicht erreicht ist: mit welcher Geschwindigkeit entspinnen sich neue Teilziele des Täters?
Frage 4: Wo? ("Tatort")
u.a.: Wo geht das Ganze über die Bühne? Welche lokalen Besonderheiten können die Spurensuche behindern oder erleichtern?
Frage 5: Warum? ("Motiv")
u.a.: Warum macht der Täter das alles? Und wie reagiert er auf Widerstand durch die Charaktere?

Ich wünsche mir Abenteuer, in denen die Antworten auf die oben genannten Fragen sollten im Abenteuer so klar und unmissverständlich wie nur möglich präsentiert werden (d.h. in der ZUSAMMENFASSUNG am Anfang des Abenteuers), damit der Spielleiter unmittelbaren Zugriff darauf hat. Dies gilt BESONDERS, wenn es sich dabei um Kaufabenteuer handelt (da gibt es einfach zu viele schlimme Autounfälle, wie z.B. "Die Toten des Winters"…).

"War das wirklich so geplant?" - Umgang mit unerwarteten Situationen
Früher oder später (wahrscheinlich früher) fragen die Spieler nach einem Detail, welchen der Spielleiter nicht vorbereitet hat: "Sind da Kratzspuren neben dem Schlüsselloch, welche auf das Abrutschen der Dietriche eines ungeübten Eibrechers hindeuten?" zum Beispiel.

Wo Moritz Eingriffe in die Vorbereitung grundsätzlich ablehnt, sehe ich das etwas differenzierter. Dinge nachträglich abzuändern, so dass sie zu den Vermutungen der Spieler passen, lehne ich zwar grundsätzlich ab, aber gegen ERGÄNZUNGEN von Details welche zur (unveränderlichen) Abenteuervorbereitung passen habe ich nichts einzuwenden, halte sie unter gewissen Umständen sogar für Unverzichtbar.

Denn: auch die ABWESENHEIT einer Spur, ist eine Spur. Wenn ich mir an diesem Punkte sage "Ich habe es nicht vorbereitet, also gibt es keine Kratzspuren an der Tür", dann sage ich den Spielern in Wirklichkeit: "Der Täter war ein sehr geübter Einbrecher oder er hatte einen Schlüssel". Stimmt das nicht mit der Abenteuervorbereitung überein, so habe ich den Spielern gerade an der Nase herum geführt. Ich habe ihnen (wenn auch unabsichtlich) eine falsche Information über den Tathergang und den Abenteuerauslöser gegeben - einfach weil ich nicht willens oder fähig war, ein Detail zum Tatort zu ergänzen!

Und während Villabajo noch Akten wälzt, hat Villarriba den Fall schon längst aufgeklärt!
Aus diesem Grund halte ich meine 5 Factsheets (s.o.) auch während des Abenteuers immer bereit, um solche Details (und nicht-Details) schnell ergänzen zu können und das Abenteuer so frei von Inkonsistenzen und Verarsche zu halten. Wo ein detailfixierter Spielleiter hier wahrscheinlich hektisch seine Notizen nach der genauen Beschaffenheit des Türschlosses durchforstet, kann ich mich auf meine fünf Kernfragen konzentrieren und die Antwort, ganz entspannt, aus diesen ableiten: im vorliegenden Fall ist die bisherige Etablierung der Methodik des Täters ist in diesem Fall maßgeblich (deutet sie auf einen geübten Einbrecher hin?) und eine Antwort dürfte (wenn der SL seine Hausaufgaben gemacht hat) nicht allzu schwer zu ermitteln sein.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Kommentare hier oder bei rsp-blogs.

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3 Kommentare:

Blogger Stefan / 1of3 meinte...

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die fünf Einteilungen nachvollziehen kann.

Insbesondere habe ich Probleme mit dem Unterschied zwischen "Was ist das ZIEL seiner Handlungen?" und "Warum macht der Täter das alles?".

März 06, 2011 11:18 vorm.  
Blogger alexandro meinte...

zum Beispiel:

Ziel: den Inhalt des Tresors der Western Pacific Railway in San Diego stehlen

Motiv: um reich zu werden/um Rache wegen Entlassung zu nehmen/um die Union Pacific an die Spitze zu bringen/um vom Mord der Schalterbeamtin, welche dich sitzen gelassen hat, abzulenken...

Schmeißt man das WAS und das WARUM zusammen, so vermischt man Tat und Motiv und das ist einfach unübersichtlich IMO.

Sicher kann man das auch irgendwie anders organisieren, hauptsache es bleibt übersichtlich.

März 06, 2011 11:29 vorm.  
Anonymous ghoul meinte...

Ich wünsche mir: einen 1-Page-Dungeon mit Zufallstabelle für Begegnungen! :-)

März 11, 2011 9:28 vorm.  

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