[René López erklärt die Maskerade] Even though I know - I suppose I'll show All my cool and cold
Alles was ich jemals wissen wollte habe ich beim Spielen von Vampire gelernt. Ich lernte z.B., dass man nicht mehr als einen Beutel mit Würfeln, Bleistifte, leere Seiten und die Bereitschaft zu teilen braucht, um Freunde zu gewinnen. Ich habe gelernt dass eine gute Geschichte, ob man sie nun am Lagerfeuer oder an einem Tisch erzählt, Menschen stärker zusammenschweißt als der Wein, das Geld oder persönliche Ziele. Ich habe gelernt, dass Macht korrumpiert, dass all das Übel das du tust dreifach auf dich zurückfällt und dass die einzige Belohnung für selbstloses Handeln das Handeln selbst ist. Ich habe gelernt, dass es keine Rolle spielt, wie viel du erreichst, es gibt immer jemanden über dir, und dass es keine Rolle spielt, wie tief du fällst, es gibt immer einen Ausweg. Ich habe gelernt, dass es keine Rolle spielt, wie gut deine Absichten sind, irgendjemand wird versuchen sie zu verfälschen und gegen dich zu verwenden. Es spielt aber auch keine Rolle wie Böse sie sind, irgendjemand wird irgendwann dagegen aufbegehren. Ich habe gelernt dass es nicht die Mühe wert ist, seine Ziele auf Kosten von Anderen zu erreichen, denn irgendwann kriegen sie dich dafür dran; ich habe außerdem gelernt, dass Rache ein schales und bitteres Gericht ist, welches man verzehrt, aber von dem man niemals wirklich satt wird.
Ich habe gelernt dass wenn es um Politik geht die Gesetze nicht mehr als gut gemeinte Richtlinien sind und dass, wenn er weiß wie man sie benutzt, ein Bettler genauso mächtig ist, wie ein König. Ich habe gelernt, dass Geheimnisse wie glühende Kohlen unter der Zunge sind und dass sie am sichersten direkt vor allen Augen sind. Ich habe gelernt, dass Unsterblichkeit wirklich ein Fluch ist und dass sich nur die Dichter vor diesem Schicksal retten können. All dies und mehr habe ich gelernt, während ich den ewigen Tanz der Vampire, ihre Spiele und ihre Hofhaltung beobachtet habe.
Während meine Freunde und ich uns jeden Samstag in Könige, Mörder und Tyrannen verwandelten, habe ich gelernt dass es keine Rolle spielt, ob die Welt nun von dreizehn Vampirclans beherrscht wird oder nicht, dass alle Kriege nur wegen Eitelkeiten geführt werden und dass die wirklichen Monster, die über deren Existenz kein Zweifel besteht, ihre Intrigen in dunklen Gassen, in abgelegenen Villen oder opulenten Strandhäusern planen. Und es spielt keine Rolle, denn letztendlich ist das einzige was wir tun können unser Leben Spielsitzung für Spielsitzung, Tag für Tag, zu leben, unser Schicksal den Würfeln anzuvertrauen und in der nächsten Nacht mit etwas mehr Erfahrung zurückzukehren. Abgesehen davon entscheide jeder für sich, ob er Held oder Schurke in dieser Geschichte sein möchte.
René López, Ciudad de México, 2006
Labels: Rollenspiel

