Spielen für die Vitrine?- We all fall down like toy soldiers
Ich stelle gerade wieder fest, dass es komische Leute gibt in der Rollenspielerlandschaft. Leute, welche es für das höchste der Gefühle erachten Kurzgeschichten über ihren Charakter zu verfassen oder bei Traveller Horden von Charakteren auszuwürfeln (was im Grunde dasselbe ist). Ich verstehe durchaus den Zweck ordentlicher und ausgedehnter Kampagnenvorbereitung, sowie von Spielregeltuning, um im Spiel bessere Ergebnisse zu erzielen, jedoch fehlt mir jeglicher Bezug zu dem, was die da machen (und es als gleichwertigen Teil des Spiels hinstellen).
Dann wäre da noch der typische deutsche Darkjogger*: diese Gestalt kommt schon mit einem fertig gebautem Charakter an den Tisch, welchen er tagelang „entworfen“ hat, bis hin zum kleinsten Popeldetail, wie der Art des Stiftes in seinen Granaten. Nichts gegen Powergaming, aber man kann es auch übertreiben- zumal viele dieser ach so wichtigen Details überhaupt keine systemtechnische Relevanz haben und daher nicht einmal beim optimieren (selbst bei Shadowrun, welches ja schon ziemlich schlimm im Bereich „Boni für uninteressante Details“ ist). Im tatsächlichen Spiel verwendet er einen übermäßig hohen Teil der Spielzeit darauf, das für und wider der verschiedenen Vorgehensweisen gegeneinander abzuwägen und zu überlegen, was passieren könnte, Ausrüstungslisten zusammenzustellen (bis hin zum kleinsten Reiskorn im Proviant) und nach Möglichkeit jeden noch so kleinen Schritt der Ausführung des Planes auszuspielen, ohne dass irgendwelche „ereignislose“ Zeiträume dabei übersprungen werden (in der Regel sind Deutsche Darkjogger ehemalige Bundis, sind es also gewöhnt im Dreck zu liegen und sich zu langweilen). Dazu kommt dann noch die eigentlich nur noch pervers zu nennende Tendenz, Militärgeschichte losgelöst von allen gesellschaftspolitischen, informationstechnischen und moralischen Fragen zu bewerten („Erfworld“ zeigt auf humorvolle Weise diese Denkweise in Aktion- und warum sie im tatsächlichen Gefecht versagt).
Vollkommen. Anderer. Film.
Der Zweck einer Loslösung von Rollenspielelementen von der tatsächlichen Spielgruppe und als Selbstzweck erscheint mir derzeit als eine hohle Ersatzbefriedigung und eine Überbewertung von „rote-actions“ (also mechanisch wiederholte Gewohnheitsaktionen) gegenüber den dynamischen Spielverhältnissen einer tatsächlichen Gruppe. Und auch wenn ein tatsächlicher Einsatz im Spiel erfolgt, so erscheint mir der Grad in dem gewisse Details in der Vorbereitung überbewertet werden höchst befremdlich.
Man könnte diese Sub-Gattung (besonders im letzteren Fall) vielleicht mit vielen Namen betiteln (die wenigsten davon schmeichelhaft), aber am deutlichsten wird das was ich meine sicherlich, wenn man einfach von Kriegsspielern ohne Sozialkompetenz redet. Jeder der seinen Miniaturenbedarf schon einmal Notgedrungenerweise in einer GW-Filiale decken musste (weil der örtliche Rollenspielhändler kein Mini-Sortiment führt), dürfte recht vertraut sein mit dieser Art von menschlichem Ausschussprodukten, die in diesen Geschäften quasi zum Inventar gehören (und dafür sorgen, dass normale Kunden ihre Ware so schnell wie möglich bezahlen und den Laden fluchtartig verlassen, um sich ja auf kein Gespräch mit diesen Freaks einlassen zu müssen).
Gerade hier stellt die Spielvorbereitung (Mini-Bemalung, Terrainaufbau, Armeenkonstruktion etc.) einen (notgedrungener Weise) nicht unerheblichen Anteil des Spiels dar, allein wegen des Arbeitsaufwandes der (verglichen mit dem tatsächlichen Spiel) investiert werden muss. Ähnlich verhält es sich bei vielen altmodischen Rollenspielen, bei denen ähnlich archaische Prozesse für viele Elemente des Charakterbaus und der Spielvorbereitung erfordert werden, welche Casual Gamer energisch von diesen Systemen abschrecken.
Übt ein solches Individuum das SL-Amt aus, so kriegt man in der Regel weniger von dieser speziellen Geisteshaltung mit, da dort wo es drauf ankommt (bei den Spielern) unabhängig vom Grad der Vorbereitung das gleiche Ergebnis steht. Das ist aber gleichzeitig auch ein Teil des Problems: diese Hohlspacken kriegen nicht einmal mit, wie uninteressant ihre kleinen Bastelleichen für den Durchschnittsrollenspieler sind. Sie mockieren sich über vorbereitungsarme Forge- und andere Minimalregelspiele, bezeichnen diese als belanglos und vereinfacht, ohne zu raffen, dass ihre „Fließbandarbeiter-Motorik“ in Bezug auf das System nicht nur einen Großteil der Spielerschaft nicht interessiert, sondern dass außerdem bereits wirkungsvolle Techniken existieren, welche einem Spielleiter mit der Zeiteinteilung eines Normalbürgers erlauben, einen Großteil des Eiertanzes einfach zu überspringen und gleich zu den relevanten Aspekten des Spiels überzugehen.
Man könnte es sich jetzt einfach machen und jetzt Wargaming mit Gehirnschädigung in Verbindung bringen (und würde- zumindest auf der rein empirischen Ebene- genug Praxisbeispiele finden, um diese These zu untermauern), aber ich denke die Realität ist etwas komplexer. Am Kriegsspiel allein kann es nicht liegen, dafür sind mir zu viele Fälle bekannt, wo die betreffenden Individuen nahtlos den Absprung vom rein affektiven Handeln hin zu dynamischeren Denkprozessen hingekriegt haben. Bleibt die Frage: Woran liegt es dann? Waren die schon als Kinder so, haben Lego nur nach Anleitung gebaut und stundenlang über den Aufbau ihres Playmobil Ponyhofes sinniert?
Die Antwort entzieht sich leider meiner Kenntnis, aber ich bleibe dran (derzeit erwäge ich eine Teilnahme an „D&D Arena“, um auszutesten, ob die stundenlange Konstruktion und Planung eines Charakters, der eigentlich nicht gespielt wird, sondern nur eine Reihe von Kämpfen durchsteht, auch nur annährend so viel Spaß bringt wie die spontan erdachte und dann in der Kampagne langsam entwickelte Variante). Für weitere sachdienliche Hinweise in dieser Angelegenheit bin ich natürlich auch dankbar.
In dubio pro Spielpraxis.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
* kein tatsächliches Individuum, sondern ein Almalgan unzähliger (glücklicherweise kurzer) Begegnungen und Diskussionen. Leider schützt auch das strikte Meiden von Darkjogger nicht vor derartigen Erfahrungen, da die betreffenden Personen andere Rollenspiele in genau der gleichen Weise betreiben.
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