Dreifaltige Rollenspiel-Lektüre

Drei Falten mit einem Rollenspielerkopf dahinter, ergibt einen nachdenklichen, amüsanten und relativ bodenständigen Blick auf das was war, ist und möglicherweise in der Szene los sein wird.

Dienstag, November 18, 2008

Eine Geschichte von zwei Cons

Es war die Beste aller Zeiten, es war die Schlimmste aller Zeiten, es war ein Geniestreich, es war eine Narretei, es war gut für das Hobby, es war schlecht für das Hobby, es war die richtige Zeit, die Zeit hätte falscher nicht sein können, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung, wir hatten alles hinter uns, wir hatten nichts hinter uns, wir würden nächstes Jahr wiederkommen, uns sähe man nie wieder dort— kurzum, die Cons unserer Zeit sind in solcher Weise beschaffen, dass die lauteren Vertreter, welche ihr schräges Krakeelen für Poesie halten, der Meinung sind diese, im Gutem wie im Bösen, nur in Superlativen beurteilen zu können.

Wieder eine DreRoCo hinter mir. Ekstatischer Freudentaumel und viele nette Bekanntschaften inklusive. Erstmal grundlegende Eindrücke: diesmal fand die Con bereits in der dritten Location statt, dem Jugendtreff „Checkout“, welcher mit der S-Bahn gut von Hauptbahnhof zu erreichen ist. Die Räumlichkeiten waren ausreichend geräumig um die seit der ersten Con fast doppelt so starke Rundenzahl problemlos unterzubringen und verfügten zudem über einen einigermaßen abgetrennten Schlafbereich (nicht dass mir das dermaßen wichtig wäre).

Die Verpflegung war einfach, aber zweckmäßig: Bockwürste, Wiener und Sandwiches in rauen Mengen, außerdem eine Tee- und Kaffee-Flatrate, wodurch das wichtigste Grundbedürfnis von Rollenspielern gedeckt wurde. Durch Tavernekarten zum Abstreichen wurde langes Hantieren mit Wechselgeld (und damit lange Schlangen an der Theke) vermieden und die Orga stand bis spät in die Nacht für das leibliche Wohl der Besucher zur Verfügung.

Ich brachte meinen „Vampirathon“ (den 200+ Seiten Abenteuerband „Fall of the Camarilla“ in vier Spielblöcken) zu einem für alle- sowohl für die Spieler welche alle vier Abenteuer durchspielten, als auch für diejenigen welche nur bei einem oder zweien reinschnupperten- zufrieden stellenden Ende und muss sagen, dass diese Kampagnen auf Cons wirklich Spaß machen (über die Erkenntnis der Überlegenheit ausgearbeiteter Szenarien gegenüber Zufallstabellen blogge ich vielleicht später einmal). Im ersten Nachtblock probierte ich mal Cyberpunk aus, wegen Müdigkeit und unterschiedlicher stilistischer Vorstellungen verließ ich diese Runde jedoch relativ schnell. Nachts schlief ich tief und fest, während einige Nachtrunden noch bis in die frühen Morgenstunden andauerten.

Da ich das erste Abenteuer splitten musste (ich hatte mir naiverweise eine Bewältigung der Chronik in nur drei Blöcken vorgestellt, mir aber glücklicherweise „Pufferzonen“ offen gelassen) und ich die Nachtblöcke (fast) durchschlief, kam ich leider nicht dazu selber irgendwo richtig mitzuspielen, aber ich hatte trotzdem eine tolle Zeit.

Erschöpft und mit einem Tombolatrostpreis (dem ich ausnahmsweise sogar gebrauchen konnte) in der Tasche machte ich mich mit Ausklingen der Con wieder auf dem Heimweg.

Die DreRoCo ist (trotz der Schwierigkeiten im letzten Jahr) stetig gewachsen und hat das Potential eine weitere Institution in der Gegend zu werden- DIE Con, wo man im Winter hinfährt. Oder zumindest ich. ;)

[/für die DreRoCo Pressemappe]

Allgemeiner gesprochen habe ich einige Gemeinsamkeiten von Cons welche ich gerne besuche, und welche in den letzten Jahren stetig gewachsen sind, festgestellt: diese Veranstaltungen sind im Grunde Festivals für Rollenspieler, die Orga sorgt für eine angenehme, entspannte Atmosphäre, mit viel Insider-Humor. Kleinere Mankos wie fehlende Duschen, früher Küchenschluss oder Schlafräume in denen man die laute Nachbarrunde hört sind egal- auf einem Festival campierst du auf einem Acker und musst halt selbst darauf achten dein Zelt nicht über Steinen und Wurzeln aufzubauen, ansonsten brauchst du dich nicht zu wundern, wenn dir am Morgen der Rücken wehtut. Der DIY-Gedanke, dass die Orga ein gewisses Grundangebot bereitstellt und diejenigen welchen dieses nicht umfangreich oder auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten ist sich anderweitig behelfen ist sowohl Festival-, als auch Con-Gängern (sieht man einmal von ein paar verweichlichten Wohlstandskindern ab) ein Begriff.

Ein paar Grundregeln sollte man dennoch beherzigen:
  • Starke Vernetzung durch die durch Mundpropaganda entstehenden Synergien. Weg von dem Gedanken „Wir müssen *mehr* werden“- reine Masse ohne Vernetzung, ohne Austausch, ist tot (siehe RPC). Lieber langsames aber stetiges Wachstum, als Werbungs-Overkill und eine aus allen Nähten platzende Con, bei der keine Gespräche außerhalb der etablierten Cliquen stattfinden.
  • Die Bereiche in denen die Besucher keine Möglichkeit haben sich selbst zu behelfen sollten keinesfalls vernachlässigt werden (z.B. war die Kälte auf der DreRoCo 2 schon hart an der Grenze, aber wenigstens konnte man sich warm anziehen- die Tatsache dass die Halle keine Fenster hatte und man die ganze Zeit im dumpfen Neonlicht hockte, war viel schwerwiegender IMO).
  • Die Runden sind das was zählt, daher sollte nicht zuviel Brimborium drum herum betrieben werden und v.a. sollte- wenn es denn so was wie ein Rahmenprogramm gibt- dieses nicht allzu sehr vom Spielen abhalten.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.

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8 Kommentare:

Blogger The Roach meinte...

Was das Rahmenprogramm angeht: es gibt genug Leute, denen das Rahmenprogramm beinahe wichtiger ist als die Rollenspielrunden. Man sehe sich nur an, wie viele Leute zum Beispiel auf dem RatCon kaum bzw. gar nicht gespielt haben, weil sie die Workshops und Lesungen besucht haben. Wie gut dieses Rahmenprogramm angenommen wird, ist allerdings vorher kaum abzuschätzen: auf der RPC hatte Andre Wiesler bei seiner Lesung deutlich weniger Zuscvhauer/Zuhörer als auf dem KingCon, der doch ein wenig kleiner war...

November 19, 2008 8:48 vorm.  
Anonymous Arne Babenhauserheide meinte...

Dann heißt es wohl: Gratulation an die Orga!

Ich hatte leider keine Zeit dazusein - ich konnte mit Mühe einen Spielabend in der Karlsruher Con unterbringen, in der Zeit wäre ich nichtmal hin und zurück gekommen :)

Es klingt auf jeden Fall so, als hättet ihr einen verdammt guten Job gemacht!

November 19, 2008 1:06 nachm.  
Blogger alexandro meinte...

@Roach: Workshops und Lesungen hatte ich schon unter "Runden" aufgefasst, mir ging es eher um obligatorische Programmpunkte, welche den Con-Betrieb unterbrechen und das gesamte "Publikum" an einem Ort versammeln.

November 19, 2008 5:04 nachm.  
Anonymous Captain meinte...

Also so etwas wie eine Tombola und Pausen zwischen den Spielblöcken (welche ja effektiv ein Puffer für die notorischen Überzieher sind)?

Was du über die Vernetzung geschrieben hast finde ich recht - interessant. Das zeigt mir, daß unsere Planung in Sachen Zusammenarbeit mit der Gugelgilde, die ja eine Initiative in Richtung besserer Vernetzung der lokalen Spielerschaft zu Ziel hat, irgendwie den richtigen Kontext hat.

November 20, 2008 3:12 nachm.  
Anonymous Skyrock meinte...

Was waren denn das für "unterschiedliche stilistische Vorstellungen" bei Cyberpunk?

Auf den Vergleich vorab ausgearbeitete Szenen vs Zufallstabellen bin ich schon gespannt, und vielleicht wäre auch da Cyberpunk (als ein Storytelling-Vorläufer mit ordentlich Zufallstabelleneinsatz) ein guter Bezugspunkt zur Veranschaulichung und Gegenüberstellung.

Ansonsten war ich nicht da und werde es wohl auch nie sein, solange die Gesetze der Plattentektonik nicht verrückt spielen wird der Schwarzwald immer am entgegengesetzten Ende der République Fédérale d'Allemagne liegen ;-)

November 20, 2008 3:58 nachm.  
Anonymous reaper meinte...

Den Vampiratlon find ich auch ne coole Idee, zwar fand ich es als Spieler der noch nie Vampire gespielt hat und auch im Metaplot der Vampirgesellschaft im Alten Rom nicht drin steckt etwas schwierig mich im letzten Block rein zu finden aber immerhin hat mich das System neugierig gemacht.

Nächstes Jahr komm ich bestimmt mal in die ersten Kapitel der Chronic rein :)

November 20, 2008 6:05 nachm.  
Anonymous reaper meinte...

@Skyrock: Hamburg ist auch nicht näher dran und von dort hatten wir Besucher. Die Ausrede zieht also nicht ;)

November 20, 2008 6:06 nachm.  
Anonymous Skyrock meinte...

reaper:
Hamburg - Dresden: 480km
Freiburg - Dresden: 680km

Ein Sprung um rund 50% ist IMHO schon beachtlich, gerade bei diesen Entfernungen.
Davon abgesehen würde ich eher mehr nähere Cons besuchen als ein einziges mal weit wegzufahren, wenn ich mehr Zeit hätte. Und ich hätte wahrscheinlich nicht die Selbstbeherrschung, um mir vor Ort abgeschmackte Witze über Bananen und Walter Ulbricht zu verkneifen ;-)

November 20, 2008 6:37 nachm.  

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